Zuerst war in mir nur Trauer und Unverständnis als meine Mutter sagte: „Demnächst ziehen wir um!“
„Wohin ziehen wir?“
„Wir ziehen in ein kleines Reihenhaus nach Herdecke.“
„Und warum ziehen wir um?“
„Hier ist die Wohnung zu klein und unser Vermieter hat Eigenbedarf angemeldet.“
Ich war sieben Jahre alt und fühlte mich wohl in meiner Straße. Meine bisherige Umgebung hatte ich in den letzten Jahren langsam kennengelernt. Wir wohnten in einer Seitenstraße der Provinzialstraße,
besser bekannt als die Bundesstraße 235, die Dortmund mit Castrop-Rauxel verbindet. Das Haus mit der Nummer 18 lag in der Straße »In den Breen«. Wir wohnten zu Viert in einer kleinen Wohnung auf zwei
Etagen. Am Ende der Straße lag ein Feld durch das ein Feldweg verlief und den Blick auf ein Hochhaus freigab. Über den Feldweg „Im Kerkdahl“ spazierten wir im Sommer regelmäßig in das Freibad Werne.
In Werne lernte ich schwimmen. Als 1969 meine Mutter sagte, dass wir demnächst umziehen werden, ging ich in die zweite Klasse der Holteschule in Dortmund-Lütgendortmund. Jeden Morgen lief ich mit
meinem Bruder zwanzig Minuten lang eineinhalb Kilometer bis zur Limbeckerstraße 70. Ich bildete mir ein, dass ich mich nach Anlaufschwierigkeiten gut in der Schule eingewöhnt hatte. Ich war damals
bereits ein Meister der Verdrängung. Schule machte mir keinen Spaß.
„Demnächst ziehen wir um“, bedeutete für mich, dass ich mich von meinem Freund Bernd verabschieden durfte. Der Abschied fiel mir nicht leicht. In Bernd hatte ich einen
Gleichgesinnten getroffen. Er wohnte an der Provinzialstraße auf halben Weg zur Schule und wir trafen uns oft morgens zum gemeinsamen Schulweg. Es war die Zeit in der wir Tuffi-Milch-Punkte
sammelten, um Indianerbilder für ein Album zu erstehen. Wir tranken viel Milch und ich schenkte Bernd am letzten Tag an dem wir uns sahen meine Tuffi-Punkte, da die Sammlung für mich ihren Sinn
verloren hatte.
Für meinen Bruder Dieter war der Umzug nach Herdecke gleichbedeutend mit dem Wechsel von der Grundschule auf das Gymnasium. Ihm fiel es leichter, den Wandel als Verbesserung zu erfahren. Ein schönes
neues Zimmer in einem Reihenhaus und der Sprung auf das Friedrich-Harkort Gymnasium deuteten mehr Kontinuität an als vielleicht vorhanden war. Für mich bedeutete der Umzug nach Herdecke, dass ich in
den nächsten zwei Jahren, zwei weitere Grundschulen besuchen und persönliche Erfahrungen mit dem Schulleiter Hugo Knauer sammeln durfte. Knauer war gleichzeitig Bürgermeister der Stadt Herdecke und
aktives Mitglied in der SPD. Ich bildete mir ein, dass alles gut sei, weil ich es nicht anders kannte. Es waren meine ersten Erfahrungen mit Autoritäten, Ämtern und Parteizugehörigkeiten. Wenn man,
wie es die Anthroposophen in Herdecke sagten, das Leben als ein selbst gewähltes Schicksal begreift, müsste ich die vielen Schulwechsel und die ständig neuen Gruppenkontakte als freiwilliges
Schicksal interpretiert haben. Aber was wusste ich von der Anthroposophie, dem Schicksal und der Politik? Als Kind haben die Erfahrungen bei mir zwei gegensätzliche Entwicklungen bewirkt. Erstens
wurde ich durch die vielen Schulwechsel einsamer, zweitens habe ich immer gut verstanden, wie gruppendynamische Prozesse funktionieren und hatte nie Schwierigkeiten, Freunde und Anschluss zu finden.
Das scheint paradox zu sein, ist es aber nicht, denn Einsamkeit und Geselligkeit sind zwei Seiten einer Medaille. Sie sind prägende Facetten meiner Persönlichkeit geworden. Durch die Einsamkeit
konnte ich in meine Innenwelt schreiten und mich erkunden. Durch die Gemeinsamkeit lernte ich meine Außenwelt besser verstehen und konnte Erfahrungen in anderen Familien sammeln.
In Herdecke ging ich zunächst ein Jahr in die Gemeinschafts-Grundschule Herdecke-Ostende am Ahlenberg. Sie existiert heute längst nicht mehr, sondern wurde erst Teil des Pathologischen Instituts des
Gemeinschafts-Krankenhauses in Herdecke, bevor das Gebäude das Domizil einer Zahnarztpraxis wurde. Mein Klassenlehrer Hugo Knauer ist mir vor allem deshalb in Erinnerung geblieben, weil ich länger
als andere Schulkinder nach dem Unterricht in der Schule bleiben sollte. Waren es meine schlechte Handschrift und meine fehlende Begeisterung im Unterricht oder gab es 1970 andere Gründe dafür, dass
Herrn Knauer manchmal die Hand ausrutschte? Auf alle Fälle war Kinderarbeit für ihn kein Fremdwort, sondern Teil seiner Pädagogik und Arbeitsorganisation. Mit dieser Haltung stand er in den 1970er
Jahren nicht allein da. Meiner Mutter gefiel meine Entschuldigung nicht.
„Ich komme zu spät zum Mittagessen, weil ich noch die Papierkörbe in der Schule leeren muss“, sagte ich. Sie sprach mit Lehrer Knauer, fortan brauchte ich nicht mehr
Nachsitzen und keine Papierkörbe mehr leeren. Meine Mutter hat sich immer eingemischt und für ihre Kinder gekämpft und mich solange es ging behütet.
Meine dritte Grundschule innerhalb von drei Jahren wurde dann die neu gebaute Schraberg-Grundschule. Lehrer Knauer wechselte ebenfalls vom Ahlenberg an den Schraberg und
war nun Rektor Knauer. Meine Klassenlehrerin für das nächste Jahr wurde Frau Ehlert. Jeden Morgen ging ich zu Fuß durch das Gewerbegebiet die Nierfeldstraße hinauf zur Schraberg-Grundschule. Es war
kein weiter Weg, vielleicht 1,5 Kilometer. Zwar etwas weiter als der Weg die Schanze hinauf, dafür aber nicht so steil. Im Klassenraum in der Ahlenberg-Grundschule stand noch ein Modell der Stadt
Herdecke. Anschauliche Stadtentwicklung aus bürgermeisterlicher Perspektive. Der Unterricht unter Knauer war für mich autoritär, streng und fiel wenig auf fruchtbaren Boden. Mich interessierte mehr
das, was in unserer Neubausiedlung passierte. Eine Neubausiedlung ist eine wunderbare Spielstätte für Kinder. Die Erkundung der Kanalisation mit einer Taschenlampe war interessanter als der
Heimatkundeunterricht. Wir stiegen hinab in das Kanalisationsnetz und gingen so weit wir uns trauten unter der Erde in gebückter Haltung durch die neu verlegten Abwasserrohre. Die einzigen Bewohner,
die wir sahen, waren die Ratten, die in der Kanalisation lebten, aber wegliefen, wenn wir kamen. In der Siedlung organisierten sich die Kinder selbstständig. Natürlich war der Klassenverband die
erste Form der Kontaktaufnahme unter Gleichaltrigen, aber die Straße am Nachmittag war der Ort andere Kinder kennen zu lernen, und wir hatten Zeit, Banden zu gründen und die nähere Umgebung zu
erkunden.
Ich erinnere mich noch, dass ich mit Peter Huget aus dem Fasanenweg eine Expedition zum Weg zur Schanze gemacht habe, um den Eisenbahntunnel zu betreten, den wir dort gefunden hatten. Die
Eisenbahnlinie verbindet die Wittbräucke mit Dortmund-Löttringhausen. Zwei Orte, die 1969 noch nicht im Horizont meiner gedanklichen Landkarte aufgetaucht waren. Was der Tunnel verband, war nicht so
wichtig. Das er da war, genügte mir vollkommen. Wir waren neugierig und sind mit unseren Taschenlampen die Böschung zu den Gleisen abgestiegen und in den Eisenbahntunnel gegangen. Ich hatte große
Angst und wir fragten uns, ob der Dampf der Lok im Tunnel schädlich sei und ob wir so lange die Luft anhalten könnten bis die Lok an uns vorbeigefahren sei.
Auf dem Weg erzählten wir uns allerlei Geschichten, von Gleichgesinnten, die bereits durch den Tunnel gelaufen waren, aber auch von Kindern, die von einer Lokomotive
erfasst worden waren. Es war aufregend sich in den dunklen Tunnel zu wagen. Die Lokomotiven hatten wir bereits öfters beobachtet, wie sie durch den Tunnel fuhren. Wir waren aber nicht in der Lage den
Fahrplan ausfindig zu machen, um ein sicheres Zeitfenster für unser Abenteuer definieren zu können. Es ging uns weniger um die Planung als um die Erfahrung, die wir außerhalb der Schule suchten. Wir
gingen also in den Tunnel und nach einer Weile drehte ich mich um und sah wie der Eingang zu einem kleinen Lichtpunkt geworden war. Das Ende des Tunnels war nicht zu sehen. Es war, wie in das Innere
eines Berges zu gehen, ohne zu wissen, ob man jemals wieder herauskommt. Langsam tasteten wir uns weiter. Peter ging voran, ich schlich hinterher. Wir gingen solange in die Dunkelheit bis die Angst
größer wurde als die Neugier, dann kehrten wir zufrieden um. Es war ein kleines Abenteuer. Anschließend warteten wir auf der Brücke bis der nächste Zug durch den Tunnel fuhr. Ich war froh, nicht mehr
im Tunnel zu sein und den Lärm der Lok und den Dampf aus dem Schornstein aus sicherem Abstand beobachten zu können. Diese Art von Abenteuer gefiel mir. Mit der Rolle des Abenteurers konnte ich mich
identifizieren. Der Nervenkitzel aktivierte mich. Ich fühlte mich lebendig. In dieser Stimmung erkundete ich systematisch die nähere Umgebung unseres neuen Zuhauses in Herdecke.
Wenn wir mit der Schule einen Ausflug planten, freute ich mich, und in der dritten Klasse der Schrabergschule besuchten wir mit unserer Klassenlehrerin Frau Ehlert die
Dechenhöhle. Die Dechenhöhle ist eine der schönsten Tropfsteinhöhlen Deutschlands und liegt zwischen Letmathe und Iserlohn. Die Klassenausflüge haben mir immer Spaß gemacht. Ich war gerne unterwegs,
viel lieber draußen als drinnen und das Lernen in der Bewegung kam mir entgegen. Beim Spazierengehen konnte ich mich besser entfalten als im Klassenraum. Ich konnte auf einen Mitschüler zugehen und
eine Weile gemeinsam mit ihm gehen. Ich fühlte wie sich Gruppen bildeten und strukturierten, wer dazugehörte und wer nicht und mir taten die Außenseiter leid und ich gesellte mich oft zu ihnen, hörte
ihnen zu und wurde so auch ein Teil von ihnen. Ich suchte auch den Kontakt zu Frau Ehlert, in die ich natürlich bis über beide Ohren verliebt war. Viele Kinder vom Semberg und Schraberg gingen später
auf das Friedrich-Harkort Gymnasium. Der größte Teil besuchte aber nicht die weiterführende Schule. Das Ende der vierten Klasse markierte auch das Ende sozialer Freundschaften. Schulwege trennen und
verbinden, und Klassenverbände waren die Zufallsgemeinschaften in die man geworfen wurde. Ich empfand mich als Tagträumer, introvertiert und intuitiv, aber kreativ und künstlerisch begabt, ich
zeichnete gern, wenn auch nicht so gut wie mein Bruder, den ich um seine Fähigkeit beneidete. Meine selbstgezeichneten Kunstwerke waren eine günstige Möglichkeit den Eltern zum Geburtstag eine Freude
zu bereiten. Ich war ein Spätentwickler, konnte nie fehlerfrei schreiben und lernte früh die negative Bedeutung des Wortes Legasthenie kennen. Eine Asthenie ist eine Schwäche. Eine Legasthenie
bezieht sich auf eine Leseschwäche und tritt oft gemeinsam mit einer Rechtschreibschwäche auf. Ich verwechselte munter Buchstaben und ganze Wörter. Mir fiel es nicht leicht, geschriebene Worte
wiederzuerkennen, erst recht nicht, wenn es sich um meine eigene Handschrift handelte. Sie ist bis heute unleserlich, und ich muss sich konzentrieren, wenn ich fehlerfrei schreiben will. Auf alle
Fälle fühlte ich eine Beeinträchtigung und ich sollte mich bemühen, dagegen anzugehen. Mir wurde eine Lese- und Rechtschreibstörung bescheinigt aber nicht gesagt, was ich dagegen unternehmen konnte.
Keiner wusste es genau. „Du musst mehr üben“, sagte meine Mutter. Also übte ich zu lesen und zu schreiben und habe mich bis heute daran gehalten. Mit meinen Fortschritten bin ich immer noch nicht
zufrieden. Es ist anstrengend und bleibt eine schwere Arbeit. Obwohl die grundlegende neurologische Andersartigkeit geblieben ist, sprechen Experten heute nicht mehr von einer Schwäche oder einer
Störung, sondern betrachtet sie als eine Neurodiversität. Neurodiverse Menschen nehmen Informationen anders wahr und verarbeiten sie anders. Neurodiversität hat sich als Oberbegriff für Autismus,
ADHS oder Legasthenie etabliert. Die Wissenschaft hat den Menschen genauer vermessen. Die Erkenntnisse der letzten 50 Jahre veränderten den Blick auf das Phänomen. Dass ich mich ein Leben lang mit
Sprache, Kommunikation und Verständnis beschäftigte, hat sicherlich einen Grund in dieser früh erlebten Neurodiversität und dem Versuch, dagegen anzugehen. Es wurde zu einer lebenslangen Aufgabe. Zu
meinen positiven Eigenschaften zählte ich immer meine Kreativität, meine gute Intuition und mein unkonventionelles Denken. Ich war immer sehr neugierig und versucht mehr das große Ganze zu sehen als
mich im Kleinen zu verlieren. Ich hatte das Glück aus dieser Spannung einen Antrieb zu entwickeln, der mich durch mein Leben trug.