1. Aufbruch

Die sieben Jahre von 1983 bis 1990 erlebte ich als große Befreiung. Es war ein Aufbruch in eine neue, unbekannte Welt. Von Hamburg ging ich nach Bochum und zum Wintersemester 1984/85 begann ich mit meinem Magisterstudium. Zu Beginn des Semesters übte ich wieder Trompete, ein Instrument, welches durch seinen strahlend klaren Klang eine große Faszination auf mich ausübte. Andrea sagte immer wieder, mir sei die Trompete wichtiger als sie. Einige Wochen später trennte ich mich von Andrea. Wir waren fünfeinhalb Jahre ein Paar. Ich hatte das Gefühl, sie wollte mehr Zeit mit mir verbringen, und ich fühlte mich kontrolliert und eingeschränkt. War also die Trompete der Anlass für unsere Trennung? Nein, unsere Zeit war verbraucht. Ich trennte mich nicht leicht von meiner großen ersten Liebe. Sie wollte mich auf meinem Weg nicht begleiten und ich wollte nicht stehen bleiben.

Was das Studium für mich bedeuten sollte, konnte ich im Oktober 1984 noch nicht wissen. Nach der Bundeswehr fühlte ich mich psychisch leer und ausgetrocknet an wie ein alter Schwamm. Ich war offen für Neues. Mich interessierte seit unseren Urlauben die Fotografie, und ich filmte gerne. So bewarb ich mich am Ende meiner Bundeswehrzeit für den Studiengang »Audiovisuelle Kommunikation« an der Fachhochschule in Dortmund. Ich hielt mich für künstlerisch begabt und suchte nach einer Ausdrucksform, gleichzeitig war ich introvertiert und sensibel und scheute den Kontakt zu anderen. Im Frühjahr 1984 informierte ich mich über die Voraussetzungen für das Studium. Das Dekanat der FH Dortmund verlangte eine künstlerische Mappe von jedem Bewerber, um die Eignung zu überprüfen. Mir wurden zwei Aufgaben gestellt. Die erste Aufgabe bestand darin, dass ich mehrere Ansichten eines Bettes zeichnen sollte. In Ermangelung besserer Vorbilder entschied ich mich für verschiedene Ansichten meiner Schlafstätte in der Bose-Bergmann Kaserne. Das Objekt meiner Darstellung war ein einfaches metallenes Bundeswehr-Bettgestell, ohne besondere Ausstrahlung, rechteckig, praktisch, gut. Mir gefiel der reduzierte Stil und die Einfachheit des Objektes und ich fing an in der freien Zeit nach dem Dienst in den Abendstunden mein Bett von verschiedenen Perspektiven zu zeichnen. Es war nicht immer einfach die Konzentration aufzubringen, zumal meine Stubengenossen meiner künstlerischen Art mit viel Spott begegneten. Sie liebten allabendliche Kartenspiel und das Öffnen von Flensburger Bockbierflaschen. Ich zeichnete so gut es ging und arbeitete an meinen künstlerischen Fähigkeiten.

In der zweiten Aufgabe, die mir die Fachhochschule stellte, sollte ich eine Fotoreportage zum Thema »Modernität« erstellen. Ich entschloss mich, die zweite Aufgabe mit der gleichen Nüchternheit anzugehen, die mich in den letzten Monaten bei der Bundeswehr geprägt hatte und fotografierte an den Wochenenden in Dortmund und Umgebung verschiedene Ansichten von Strommasten, Überlandleitungen und Moniereisen. Sie sprachen mich allesamt durch eine klare Linienführung und Struktur an und waren für mich der wahre Ausdruck der Industrialisierung. Ich war noch jung, wir lebten im Jahr 1984 und ich hielt die Infrastruktur der Industrialisierung für die Moderne. Elektrizität und Stahl waren die unsichtbaren und sichtbaren Elemente der Modernität. Vielleicht hätte ich hier schon besser unterscheiden sollen zwischen Modernität und Moderne. Auf alle Fälle interpretierte ich wohl mehr in die Gegenstände hinein als sie in der Bildsprache später ausdrückten. Ein Moniereisen bleibt ein Moniereisen, eine Überlandleitung bleibt eine Überlandleitung, ein Strommast bleibt ein Strommast. Für mich waren es aber Symbole unserer modernen, industrialisierten Welt, die ich in meiner Umwelt entdeckte. Da ich immer noch den Zugang zum Fotolabor in unserer Gemeinde hatte, entwickelte ich die Fotos selber und stellte meine Bewerbungsmappe an den Wochenenden in Herdecke zusammen. Das Bewerbungsgespräch erfolgte vor den Sommerferien, und ich bekam von meinem Kompaniechef Hauptmann Wiesemann einen Tag Sonderurlaub. Vielleicht erinnerte er sich noch daran, wie ich in der Kaserne Trompeten spielen übte und hatte vergessen, dass ich nicht das Silenzio zum Morgenappell spielen wollte. Mit guten Wünschen entließ er mich für 24 Stunden aus dem Soldatenalltag, um mich mit meiner Mappe einer sechsköpfigen Jury der Professorenschaft der Fachhochschule zu stellen. Ich fuhr mit meinem Motorrad nach Dortmund und mich erwartete eine lange Schlange, die vom Eingang der Fachhochschule bis weit auf die Straße reichte. Vor dem Eingang warteten bereits die ersten Bewerber, die früher aufgestanden waren und alle eine Mappe unter dem Arm trugen. Beim Anblick der langen Bewerberschlange sank mein Mut. Ich hatte einfach nicht die Zeit und wollte nicht stundenlang warten. Genauso wichtig war es mit, dass ich noch Zeit mit Andrea verbringen konnte. Wir hatten es immerhin geschafft die letzten 15 Monate unsere Beziehung aufrecht zu erhalten. Zeit war dabei immer ein knappes gut gewesen. Mit meinem Helm in der Hand und der Mappe über der Schulter ging ich an der Schlange vorbei und erzählte den vor der Eingangstür Wartenden meine Geschichte. Ich sei Soldat und müsste abends wieder in Hamburg bei meiner Einheit in der Kaserne sein. Es war die Wahrheit und sie ließen mich vor. Sie hatten offensichtlich mehr Zeit und Verständnis für meine Situation. Vielleicht kam es ihnen auch gelegen noch ein wenig zu warten bevor sie sich dem Urteil einer unbekannten Jury stellen mussten.

Beherzt betrat ich einen nackt eingerichteten Raum, indem nur drei Tische längs nebeneinander gestellt waren. Hinter den drei Tischen standen sechs Stühle auf denen die Juroren saßen. Sie führten die Auswahlgespräche für das beginnende Semester. Ich übergab dem Vorsitzenden, der in der Mitte saß, meine Mappe und erklärte meine Motivation, mein Konzept und bemerkte, dass der Studiengang »Audiovisuelle Kommunikation« meiner kreativen Neigung entgegen käme. Währenddessen sahen sich die Juroren schweigend meine Unterlagen an. Keiner sagte etwas. Sie sprachen nicht miteinander. Ich war auf diese Prüfungssituation nicht vorbereitet und wusste nicht mehr, was ich sagen sollte oder ob ich die Juroren mit meinem Reden bei ihrer Betrachtung meiner Kunstwerke störte. Schweigen steckt irgendwann an und ich wartete in meiner Lederjacke und meiner Lederhose vor den Tischen stehend auf das Urteil. Nach einigen Minuten brach der Vorsitzende des Gremiums das Schweigen. Er sagte: „Ich schlage ihnen vor, sie absolvieren erst einmal eine Lehre als Fotograf und melden sich danach noch einmal bei uns.“

Ich war enttäuscht und verließ den Raum mit dem Gefühl der Niederlage. Auf der Fahrt zurück nach Hamburg hatte ich Zeit, das Gesagte zu verarbeiten. Eine Lehre als Fotograf wollte ich nicht beginnen. Ich wollte unbedingt studieren und so entschloss ich mich zu einem Studium der Geisteswissenschaften. Geschichte, Philosophie und Germanistik hatten mir von allen Fächern immer den meisten Gewinn gebracht, auf diesem Weg wollte ich weiter gehen, und ich bewarb mich bei verschiedenen Hochschulen. Nach Zusagen in Köln und Düsseldorf immatrikulierte ich mich in Bochum, weil ich glaubte, dass ein Studium nur finanzierbar wäre, wenn ich während meines Studiums noch bei meinen Eltern wohnen bleiben könnte. Ich war auf der Suche und wusste nicht genau, was ich wollte. Das Magisterstudium der Geschichtswissenschaft führte in  keine Berufsausbildung, sondern es war ein Neigungsstudium. Das kam meinem Typ entgegen, denn ich wollte auf keinen Fall Lehrer werden. Ich entschied mich bewusst für ein Studium mit dem Universitätsabschluss »Magister Artium«, das klang lateinisch altmodisch und traditionell und entsprach meiner Neigung mich mit der Vergangenheit mehr beschäftigen zu wollen als mit meiner Zukunft.

Jeder der Bochum kennt, weiß, dass die Ruhr-Universität Bochum keine schöne Universität ist. Schönheit muss man sich leisten können, und im Ruhrgebiet leistete man sich im allgemeinen wenig. Die Tatsache, dass es in Bochum den ersten kompletten Neubau einer Universität in der Nachkriegszeit gab, die am 30 Juni 1965 feierlich eröffnet wurde und in der Nähe meines Elternhauses lag, ermöglichte mir, so wie ich glaubte, überhaupt ein Studium. Meine Eltern konnten es sich nicht leisten, beiden Kindern eine Hochschulausbildung zu finanzieren. Ohne die Förderung durch das BAFöG seit 1971 wäre ein Studium nicht möglich gewesen. Ich bin sicher eines von vielen Kindern aus dem Ruhrgebiet, die voller Dankbarkeit auf diese Finanzierungsmöglichkeit blickten und in ihrem Leben immer öfter und immer selbstbewusster den Satz gesagt haben: Ich gehöre zu den ersten in unserer Familie, die ein Studium absolviert haben.

Mein Dank ist symbolischerweise mit Willy Brandt verbunden. Historisch ist das falsch, da wie der Historiker Wolfgang Helbich anlässlich des 25 jährigen Bestehens der RUB schrieb, bereits einige Initiativen und die politische Durchsetzung von Seiten der CDU und seit 1962 einer CDU-FDP Regierung ausgingen, um einen Ausgleich für den Strukturwandel im Ruhrgebiet zu schaffen. Noch in der entscheidenden Landtagsabstimmung am 18. Juli 1961 votierte die sozialdemokratische Fraktion gegen die Universitätsgründung in Bochum, weil die SPD den Standort Dortmund bevorzugte. In Dortmund hatte ich an der Fachhochschule keinen Erfolg gehabt. An der Ruhr-Universität Bochum war es anders.

Am 24. September 1984 setzte ich mich voller Optimismus auf meine Yamaha RD 250, ein luftgekühltes Zweizylinder-Zweitaktmotorrad mit 22 PS, und fuhr los in ein neues Leben. Ich wählte den Weg über die Landstraße und nicht über die Autobahn. Die Entschleunigung kam mir zupass. Das Wetter trug ebenfalls zur Verlangsamung bei. Im Nieselregen fuhr ich von Herdecke über Gedern nach Wetter und weiter nach Witten. Immer entlang der Ruhr bis zur Kemnade, dann sah ich auf dem Hügel über der Ruhr die harten und imposanten Betonbauten der Ruhr-Universität Bochum. 13 Hauptgebäude gruppierten sich in vier symmetrischen Komplexen aus je drei bis vier Hochhäusern um die Mensa, das Audimax, die Universitätsbibliothek und das Forum der Universität. Ich fand einen Parkplatz hinter den Gebäuden zur Südseite und immatrikulierte mich unter der Matrikelnummer 108 084 226 460. In Deutschland war ich im Jahr 1984 einer von 1.311.694 Studierenden. In der Fakultät für Geschichtswissenschaft studierten 1980 2.306 Personen im Haupt- und Nebenfach Geschichte. 1990 waren es 3.004 Studierende.

Der 24. September 1984 war ein regnerischer Tag, Hose und Jacke trotz Regenkombi nass, und ich wusste nicht wohin mit all den tropfenden Klamotten. Genau sowenig wusste ich, was mich in der Hochschule erwarten würde. Ich wusste nicht, was eine Hochschule überhaupt ist und fühlte nur eine gewisse Nervosität vor dem neuen Lebensabschnitt. Ich öffnete mit meinen feuchten Lederhandschuhen eine Tür und schritt in ein neues Leben als ich mich im Studentensekretariat immatrikulierte. Nachdem die Formalitäten der Einschreibung erledigt waren, traf ich mich mit einem Studenten der Fachschaft Geschichte zu einem Einführungsgespräch. Der Tutor saß in einem kleinen Zimmer auf einer ausrangierten Couch. Die nackte Betonwand im Rücken zierte ein Che-Guevara-Poster, zwei großen Fenster gaben den Blick auf einen Balkon frei und auf andere Hochhäuser. Der Tutor rauchte, trug eine braune Cordhose und einen grob gewebten - wenn nicht selbst gestrickten - Pullover. Zu dieser Erscheinung passten seine langen braunen Haare, die Brille mit dem breiten schwarzen Gestell, die seinem Gesicht einen intellektuellen Anschein gab. Er sah aus wie ein unmittelbarer Gefolgsmann Lenins und er signalisierte mir dem Motorradfahrer mit seiner Körpersprache, dass ich es mit einem Intellektuellen zu tun habe. Mein Eindruck wurde darin bestärkt, dass der Tutor müde und unausgeschlafen wirkte und sein Rat bestand darin, dass ich das Studium locker nehmen solle. Nein, genau das wollte ich nicht. Nach dem Gespräch wusste ich, dass ich in der Fachschaft keinen Schritt weiter gekommen war. Ich würde in Zukunft Fachschaften meiden. In den Fachschaften organisierten sich die Studentenvertreter und es ging weniger um nützliche Tipps, sondern eher um die Vermittlung einer linken Weltanschauung. Hier waren die Studentenvertreter noch mitten im kalten Krieg. Ich hatte aber bereits gedient, wurde für den Falklandkrieg in Bereitschaft gesetzt und wollte nun Lernen, vor allem wie ich mein Studium zu organisieren hatte.

Nachdem Kennenlernen des Fachschaftsvertreters erfolgte eine offizielle Begrüßungsveranstaltung für alle Erstsemester. Sie wurde vom Dekan der Fakultät für Geschichtswissenschaft gehalten. 1983 hieß der Dekan Prof. Dr. Ferdinand Seibt. Seibt war ein kleiner, etwas rundlicher Mediävist, Mitte fünfzig, mit klugen, wachen Augen und seit 1969 Inhaber des Lehrstuhls für die Geschichte des späteren Mittelalters. Er sagte: „Ich freue mich außerordentlich, dass so viele interessierte Studierende heute hier erschienen sind und sich für die Geschichte begeistern. Aber ich muss ihnen sagen, dass die Wenigsten von ihnen mit einem Magisterstudium ihren Lebensunterhalt werden verdienen können. Deshalb empfehle ich ihnen, das Lehramt zu studieren, auch wenn die Wahrscheinlichkeit sehr gering ist, eine Anstellung als Lehrer nach dem Studium zu erhalten, so ist sie höher als bei den Magistern. Als zusätzliches Fach sollten sie Latein nehmen, das erhöht ihre Chancen.“

Seine Worte waren ein Schock, sie waren ehrlich gemeint und reichten weit in die Zukunft. An diesem Tag wollte ich aber solche Sätze nicht hören. Ich war froh, in der Universität angekommen zu sein, alles war neu und aufregend, und ich freute mich auf mein neues Leben. Zukunftsangst kannte ich bereits. Überall wurden Geisteswissenschaftler mit ihr konfrontiert, in der Familie, bei Freunden, eigentlich bei jeder neuen Begegnung, wenn man erklären sollte, warum man Geschichte studierte. Ich blendete diese Angst konsequent aus und freute mich auf den Neuanfang. Die Worte von Seibt, gerade zu Beginn dieses Neuanfangs, sind mir aber immer in Erinnerung geblieben und ich habe ihm seine Ehrlichkeit hoch angerechnet. Sie lenkten den Blick auf die Zukunft. Eine Perspektive, die den meisten angehenden Geschichtsstudenten nicht lag, da sie sich lieber mit der Vergangenheit beschäftigten. Ich sollte lernen, dass sich Historiker immer mit einer aktuellen Fragestellung aus der Gegenwart auseinandersetzen, sie mit Strukturen und Prozessen aus der Vergangenheit vergleichen, um so Antworten für die Zukunft zu finden.

Was war mir aber das Wichtigste? Was war meine Frage an mein Leben? Wohin würde mich die Beschäftigung mit der Geschichtswissenschaft führen? Für mich war das Studium viel grundsätzlicher. Eine der wichtigsten Fähigkeit im Leben ist das Lesen. Durch das Lesen vieler Bücher, Zeitschriften und Zeitungen hoffte ich meinen Horizont zu erweitern und meinen Geist zu bilden. Ich wollte die Welt verstehen. Um aber eine Vorstellung von dem Studium zu bekommen, sollte ich als erstes die Studienordnung lesen, in der erklärt wurde, was die Bedingungen für ein erfolgreiches Studium waren. Welche Studien- und Sprachnachweise musste ich erbringen? Wie sah die Zwischenprüfung aus, wie die Magisterprüfung? Als Erstsemester waren das keine relevanten Fragen. Es klang nach Zukunftsmusik. Wer plante schon die nächsten fünf bis sechs Jahre im voraus? Zumal mir keiner in meiner Familie sagen konnte, was ein Studium ist, was Studenten für ein Volk sind und was die Zeit an der Universität mit mir machen würde. Ich wollte erst ein Gefühl entwickeln, hatte aber nach der Bundeswehrzeit sehr große Lust etwas zu lernen und war hungrig und wissensdurstig. Ich packte mir deshalb meinen Stundenplan für das erste Semester so voll, dass ich auf keinen Fall Gefahr lief irgendwelche Scheine zu versäumen. Allein die Tatsache, dass ich mir meinen eigenen Stundenplan erstellen konnte, empfand ich als große Freiheit. Was es bedeutete Leistungs- und Teilnahmescheine zu erwerben, lernte ich im Laufe des ersten Semesters. Neben der Fähigkeit des Lesens und des Verstehens der Studienordnung war die Kommunikation mit den Kommilitonen, die die gleichen Interessen wie ich teilten, das Beste was mir passierte. Zum ersten Mal erlebte ich, dass meine Neigungen kein Einzelfall waren. Wir waren viele. Wir hatten ähnliche Werdegänge und kamen aus vergleichbaren sozialen Milieus. Mit anderen Studierenden konnte ich mich zu Beginn des Studiums austauschen und so ein Gefühl dafür bekommen was richtig und falsch im Universitätsbetrieb war. Es entwickelte sich ein System von Beziehungen und Zweckgemeinschaften. Ich traf mich mit Gleichgesinnten in den Seminaren, den Hörsälen und der Mensa und Freundschaften entstanden. Wir waren die »Geister«, die Spinner, die bunten Gestalten an der Universität. Es war ein gutes Gefühl nicht mehr der einzige Träumer zu sein. Auch wenn die Gebäude der Ruhr-Universität Bochum mit ihrem nüchternen, klassischen Betonstil der 1960er Jahre alles andere als inspirierend wirkten. Überhaupt hatte ich im ersten Semester in Bochum das Gefühl, eher in einem Betrieb zu sein als an einer Universität. Lag das daran, dass die meisten Studierenden aus dem Ruhrgebiet eher einen Betrieb kannten als eine Hochschule?

Mein eigentliches Lernziel war das Schreiben, nach dem Lesen die zweite wichtige Eigenschaft, die ich trainieren wollte. Das wurde allerdings weder bei den Historikern noch bei den Germanisten vermittelt, sondern vorausgesetzt. Den Dozenten ging es nur darum ihr eigenes Spezialistentum und ihre eigene Genialität darzustellen und innerhalb des Wissenschaftssystems Karriere zu machen. Wie bereits in der Schule gab es viele Lehrenden, die keinen Bezug zur Lehre und zu den Lernenden hatten. Viele Wissenschaftler hatten einfach nicht die Empathie, sich auf einen anderen Menschen einzulassen. Sie hatten nicht die Zeit.

In den Seminare und Übungen im Grundstudium saßen und hörten die Studierende, was der Dozent, meistens ein akademischer Rat im Range eines Doktors, erzählte. Er verteilte Referate an die Kommilitonen und die hörte man sich während des Semesters an. Ich lernte, Themen zu recherchieren, Referate zu erstellen und kurze Vorträge zu halten. Es gab Vorlesungen, in denen die Studierenden in einem Hörsaal zusammenkamen, um den Worten eines Professors zu lauschen. Die Qualität der Vorlesungen war naturgemäß unterschiedlich. Mich interessierten die Vorlesungen am meisten, in denen der Vortragende frei sprach und dadurch das Gefühl entstand, einen unmittelbaren Kontakt zu mir aufzubauen. Diejenigen, die aus ihren Manuskripten vorlasen, fand ich weniger interessant, zumal ich das, was sie geschrieben hatten, auch in den ausgeteilten Manuskripten nachlesen konnte.

Die freie Rede wurde deshalb die dritte Fähigkeit, die ich anstrebte zu erlernen, ohne mir vorstellen zu können, jemals in die Rolle eines Professors zu schlüpfen. Lesen, Schreiben, Reden. Auf diese drei Kompetenzen wollte ich mein Leben aufbauen. So verging das erste Semester vor allem mit Zuhören und dem Kennenlernen des Universitätsbetriebes und der Räumlichkeiten. Am Ende des ersten Semesters sollte ich dann meine erste schriftliche Ausarbeitung zu einem Thema anfertigen. Für die Erstellung der schriftlichen Hausarbeit durfte ich die sogenannte vorlesungsfreie Zeit nutzen. Bei den Germanisten wurden gegen Ende des Semesters Klausuren geschrieben, in denen der Lehrstoff überprüft wurde. Gehört wurde also in der Vorlesungszeit und gearbeitet in der vorlesungsfreien Zeit. So sah die Theorie aus. In der Praxis mussten sich die meisten Studierenden an der Ruhr-Universität Bochum in der vorlesungsfreien Zeit um ihren Lebensunterhalt kümmern und arbeiten. Ich war in der glücklichen Situation die Förderung nach dem Bundesausbildungsförderungsgesetz, kurz BAföG, zu bekommen, was eine Grundversorgung darstellt, die abhängig von elterlichen Einkommen berechnet wurde. Mir wurde ein zinsfreies Darlehen gewährt, welches ich zurückzahlen musste. Mein Studium kostete mich ca. 35.000 DM, und ich zahlte die Summe in kleinen Raten bis in das neue Jahrtausend zurück. Dabei hatte ich nie das Gefühl, dass mir der deutsche Staat je etwas geschenkt hätte. Ich habe auch keine Geschenke erwartet, ich empfand es aber als Ungerechtigkeit, dass die Studienjahrgänge vor dem Wintersemester 1983 eine kostenlose Studienförderung erhielten und die Studienjahrgänge nach dem Sommersemester 1990 nur 50 Prozent der geförderten Studiensumme zurückzuzahlen brauchten. Es gibt keine Gerechtigkeit. Ich teilte das  demographische Schicksal der späten Boomer.

Lerntechniken und Methoden des Schreibens wurde in den Seminaren leider nicht vermittelt. Sie wurden vorausgesetzt. Ich schrieb deshalb soviel ich konnte. Ich wollte einen eigenen Stil entwickeln, schrieb Gedichte, Prosa, Kurzgeschichte und notierte meine Erlebnisse in ein Tagebuch. Ich lernte, dass das Abfassen einer wissenschaftlichen Arbeiten im wesentlichen daraus besteht zu wissen, wie der so genannte wissenschaftliche Apparat mit seinen Zitaten und Fußnoten aufgebaut ist. Hierüber herrschte zum Leidwesen der Studierenden keine Einigkeit zwischen den Fakultäten. Zwischen den Historikern und den Germanisten gab es Unterschiede in der Zitierweise. Andere Fakultäten überließen die Entscheidung den Studierenden. Es fehlte ein allgemeiner Standard. Hilfreich beim Studienbeginn war das integrierte Proseminar bei den Historikern, kurz IPS. Diese Seminarveranstaltung ging über zwei Semester und behandelte die Antike, das Mittelalter und die Neuzeit. Sie sollte den jungen, angehenden Historikern einen Überblick über die Epochen geben. Sie ermöglichte den Studierenden aber vor allem über einen längeren Zeitraum zusammen in einer Gruppe zu arbeiten und sich zwölf Monate lang kennen zu lernen und in der Studieneingangsphase zu unterstützen.

Im IPS traf ich auf Susanne, damit war das erste Semester bereits ein voller Erfolg für mich. Susanne hatte wässrig blaue Augen und strohblondes Haar, war sehr zart und trug Jeans, die ihr immer eine Nummer zu groß waren. Sie liebte Latzhosen, den DLRG, war sehr intelligent und sensibel und wir fühlten uns während der ersten Monate im IPS immer mehr angezogen und verbrachten viel Zeit in der Cafeteria des GA Gebäudes. Gemeinsam erkundeten wir die Abkürzungssystematik der RUB. Die Gebäude der Universität waren alle mit Buchstabenkürzeln gekennzeichnet. GA Stand für Geisteswissenschaften Gebäude A, davon gab es drei: GA, GB und GC. Es gab auch ein NA, NB und NC Gebäude, in denen sich die Naturwissenschaftler tummelten. Und um die Systematik zu vervollständigen folgten die I-Gebäude der Ingenieurwissenschaften und die M-Gebäude der Mediziner. Insgesamt zwölf Gebäude, zusätzlich noch die Verwaltung, die Mensa und das Auditorium Maximum, der großen Hörsaal und die Universitätsbibliothek. Susanne wollte eigentlich Medizin studieren, aber mit ihrem Abiturschnitt schaffte sie nicht auf Anhieb den Numerus Clausus und parkte bei den Geisteswissenschaften, damit ihr die Wartesemester angerechnet wurden. Ich ließ es mir nicht nehmen auch in medizinische Vorlesungen zu gehen.

„Ein bisschen mehr Allgemeinbildung kann ja nicht schaden“, sagte Susanne.

„Kenntnisse der Anatomie auch nicht“, antwortete ich.

Die meiste Zeit in Bochum verbrachte ich aber in den Gebäuden GA und GB, in denen die Historiker (GA) und die Germanisten (GB) untergebracht waren, in den Präsenzbibliotheken und in der Universitätsbibliothek. Mit im IPS saßen Raimund Esser und Oliver Ahlborn. Zu beiden sollte ich während meines Studiums Kontakt behalten. Ich hörte zu Beginn des ersten Semesters die Vorlesung von Ferdinand Seibt über Frühe Revolutionen zur Struktur und Verlauf gewaltsamer Umbrüche in Europa (11. - 17. Jh.) und saß in dem IPS zum Thema Reichsbildung und Integration das die Dozenten Karl-Joachim Hoelkeskamp, Hans-Werner Goetz und Wolfgang Schneider für die Antike, das Mittelalter und die Neuzeit anboten. Werner Bergmann hielt die Vorlesung Von der Antike zum Mittelalter, Geschichte der germanischen Nachfolgestaaten und Wolfgang Köllmann Deutsche Sozial- und Wirtschaftsgeschichte in der Phase der Reform (1789-1815). Die Vorlesungen der Germanisten über die Phonetik und Phonologie des Deutschen von Horst Singer sowie die Einführung in die synchrone Sprachwissenschaft von Hans-R. Fluck waren schwer zu ertragen. Die Ausnahme bildete die Einführung in die Literaturwissenschaft mit anschließender Übung von Manfred Schunicht. Da ich gemäß der Studienordnung verschiedene Sprachnachweise für die Geschichtswissenschaft erbringen musste, besuchte ich den Lesekurs Französisch für Historiker von Dominique Niemeyer. Die Veranstaltung ging über zwei Semester und ich verbesserte meine passiven französischen Sprachkenntnisse.

Neben dem Studium der Geschichte und der Germanistik war das Studieren des Lebens und die Erfahrung der Liebe für mich mit Anfang Zwanzig aber ein genauso wichtiger Teil des Studentenlebens. Ich war jung, mobil und neugierig. Ich war nicht auf der Suche nach einer neuen Beziehung, vielmehr war ich zufrieden mit meiner neuen Situation. Die Rock- und Popmusik bestimmte mein Lebensgefühl. Mit meinem Kassettenrecorder nahm ich Musik aus dem Radio auf, die ich mir in meiner zweiten Ente, die ich mir gebraucht kaufte, auf dem Weg zur Universität anhörte. In dem Wagen blieb ich trocken und es war ein sicherers Fahren. „Relax“ von Frankie Goes to Hollywood war der Hit des Jahres 1984, der meinem Tutor gefallen hätte; ich hörte aber Genesis, Elton John und Lucio Dalla, die mir Stephan empfohlen hatte, und beschäftigte mich mit klassischer Musik.

Im Kino lief Die unendliche Geschichte. Wolfgang Peterson hatte den Roman von Michael Ende verfilmt. Bastian und Fuchur, der Glücksdrache, dargestellt in einer neuen Tricktechnik waren begeisternd. Michael Ende hat mit der Geschichte des kleinen Bastian, der von seinen Klassenkameraden schikaniert wurde und sich in die Literatur flüchtet, etwas Großes geschaffen, womit sich alle Kinder und Junggebliebenen identifizieren konnten. Bastian versank langsam in dem Buch mit dem seltsamen Titel Die unendliche Geschichte und lernte Atréju kennen, der das Leben der „Kindlichen Kaiserin“ Phantásiens und somit auch Phantásien retten wollte. Denn das geheimnisvolle „Nichts“ ließ Phantásien und alle darin lebenden Wesen langsam verschwinden. Bastian verfolgte Atréjus abenteuerliche Reise durch Phantásiens Welt der Winzlinge, Rennschnecken, Felsenbeißer und Glücksdrachen, die vom Untergang bedroht war und verzweifelt nach einem Retter suchte. Mit jedem neuen Abenteuer ließ er sich weiter in die neue Welt der Literatur ziehen. Alles schien verloren und der Untergang Phantásiens besiegelt, als Bastian schließlich begriff, dass er der Retter Phantásiens ist und nicht Atréju, auf den Bastian alle seine Hoffnungen gesetzt hatte. Um die „Kindliche Kaiserin“ und damit auch Phantásien zu retten, gab er ihr endlich den verzweifelt geforderten Namen und begegnete sich damit selber. Erst als er der „Kindlichen Kaiserin“ gegenüber steht, die das zu einem Korn zusammengeschmolzene Phantásien in Händen hält, und einen eigenen Wunsch für eine neue Welt der Vorstellungen äußert, erblüht Phantásien neu.

Die Fantasie braucht jeden Fantasten, ansonsten sterben literarische Welten aus. Märchen, Sagen und Fantasy-Geschichten faszinierten mich. Ich hatte in meiner Jugend alle Märchen gelesen, die Sagen des klassischen Altertums, die Helden und Rittersagen des Mittelalters und mit großer Begeisterung J.R.R. Tolkien, Der Herr der Ringe.

In den Märchen, Sagen und Fantasy-Geschichten gibt es immer einen wahren Kern, der mich ansprach. Mir wurde früh klar, dass das Mittelalter als Gegenentwurf zur Gegenwart mich am meisten interessierte. Die Antike und ihre Mythologie kannte ich ganz gut und die Neuzeit vor allem das 20. Jahrhundert hatten wir in der Schule sehr intensiv bearbeitet. Ich versuchte mich in vergangene Zeiten hinein zu denken und einzufühlen und empfand mich als jemand, der die Welt der Träume vor dem Vergessen retten sollte. Das Mittelalter klang ein wenig wie Mittelerde. Über diese Epoche wusste ich sehr wenig. Wie Bastian fühlte ich in mir eine Aufgabe, die mir sagte: Ich müsse eine vergangene Welt vor dem Nichts erretten. Das diese entstehende und vergehende Welt meine eigene Welt sein würde, konnte ich bei Michael Ende bereits erahnen. Wie diese Welt aber aussehen würde, lag noch in der Zukunft meiner Fantasie.

Das ganze Jahr 1985 über war ich produktiv. Ich probierte alle möglichen Schreibperspektiven aus. Jeden Tag wollte ich eine literarische Textseite schreiben. Es gelang mir nicht immer, aber es entstand ein erstaunlich dichter Textkorpus über diese Zeit. Ich fing an eine Routine aufzubauen, die mir beim Schreiben helfen sollte. In der Universität bemühte ich mich um die richtige Form und versuchte ihr wissenschaftliche Inhalte einzufügen. Ich wusste nicht, was kreatives Schreiben bedeutet, nur das ich durch das Schreiben einen Zugang zu mir selbst fand, den ich in anderen künstlerischen Formen nicht erlebt hatte. Musik hören und selber musizieren ließ mich entspannen. Es war eine unbewusst erlebte Kunst, die mein Bruder studierte. Für seine Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule übte ich mit ihm am Klavier, die richtigen Intervalle zu hören. Wenn ich etwas malte oder zeichnete, führten mich die Ergebnisse schnell wieder an meine eigenen Grenzen. Beim Schreiben ging es mir zwar ähnlich. Die Grenzen sah ich täglich. Meine Formulierungen waren nicht ausgefeilt, die Sätze voller Fehler und die Gedanken nicht logisch. Trotzdem spürte ich, dass ich durch das Schreiben einen Weg gefunden hatte, der mir helfen konnte, die Welt und mich besser zu verstehen. In meinen ersten autobiographischen Versuchen ging es um Freundschaft und Liebe, um Einsamkeit und Tod, um Unsicherheit und Angst. In einem frühen Moment schrieb ich eine „Elegie an einen Freund“ in der Form eines Gebetes:

 

 

Elegie an einen Freund

Oh, weh! Wie konntest du nur gehen!

Zeit um Zeit verstrich, nur um uns älter werden zu lassen.

Nicht nur die Entfremdung mit ihren positiven Vertraulichkeiten,

sondern auch die Reife bringt den Kontrast, der vereinigt werden will.

Die Jahre der Jugend sind längst vorbei. Sind wir Männer? Wollen wir Männer sein? Wohl kaum, obwohl wir es sind. Selbst wenn wir uns nicht bewegen wollen, schiebt die Zeit uns unaufhörlich weiter, einem fernen Ziel entgegen, dass wir in seiner Größe gar nicht erkennen können.

 

Oh, weh! Wie konntest du nur bleiben!

Gemeinsam verändern wir nichts. Zeit totschlagen. Taten vollbringen, mehr nicht.

Im Hier und Jetzt, in der Gegenwart, zeigt sich die Gefahr der Zukunft,

deshalb nur schnell weiter, nur nicht stehen bleiben.

Alles mit dir, wenn es auch nicht hilft und du nur auf deine eigene Kraft vertrauen kannst. Lass uns die Welt aus den Angeln heben. Sie verdient es und wir sind in der Lage es zu können. Die Zeit des Todes ist noch lang genug, lass uns die Zeit des körperlichen Verfalls nutzen und handeln.

 

Mit uns oder gegen uns, Hauptsache es macht allen Spaß und uns glücklich.

Im Hier und Jetzt wie gestern und morgen

werden wir unsere Aufgabe suchen und erfüllen

nicht für uns sondern für alle.

 

Amen

 

 

Ich hatte einen Weg für mich gefunden und ging langsam Schritt für Schritt vorwärts den Berg hinauf. Den Stundenplan im zweiten Semester an der Ruhr-Universität Bochum packte ich wieder mit 25 Semesterwochenstunden voll. Dass bedeutete eine 75 Stunden-Woche, da jeweils eine Stunde Vor- und eine Stunde Nachbereitung gerechnet wurde. Ich hatte Lust zu Lernen und beendete mit Erfolg das IPS Reichsbildung und Integration bei Hoelkeskamp, Goetz und Schneider am Ende des zweiten Semesters. Im Sommersemester 1984 belegte ich noch die Seminare Sitten und Sittenverfall in der Antike bei W. Habermann, und die Einführung in die Theorie und Didaktik der Geschichte, eine Pflichtveranstaltung bei Klaus Fröhlich. Werner Bergmann sprach über Das Mittelalter als Epoche und P.J. Schuler über Die Zeitrechnung des Mittelalters. In der Germanistik absolvierte ich die Einführung in das Mittelhochdeutsch bei Ulrich Krewitt und Mittelhochdeutsche Spruchdichtung bei K. Hufeland. Ich besuchte das Seminare von Manfred Schunicht, Die Lyrik des jungen Goethe und hörte parallel die Vorlesung von J.-U. Fechner, Zum jungen Goethe. Zum Schluss belegte ich noch eine Übung in freier Rede bei W. Voss und den zweiten Lesekurs Französisch für Historiker bei Dominik Niemeyer.

 

 

 

 

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