Textprobe

Kommunikation denken

 

 

1. Orientierung in Zeit und Raum

Jeder einzelne von uns verändert sich. Menschen verändern sich ständig vom Moment der Geburt bis zu ihrem Tod. Veränderung ist etwas Positives. Sie erfolgt beim Menschen in seinem eigenen biologischen Tempo. Diese Erfahrung werden die meisten Menschen mit mir teilen. Gleichzeitig verändert der Mensch seine Umwelt. Je mehr Menschen den Planeten Erde bevölkern, desto mehr Veränderungsimpulse gibt es. Während der einzelne Mensch biologisch altert, hat die Veränderungsgeschwindigkeit der Welt in der wir leben, stetig zugenommen. Unsere Außenwelt verändert sich durch menschliche Einflüsse. Die Geschwindigkeit unserer Innenwelt ist aber gleichgeblieben. Der Mensch braucht Zeit, um zu lernen. Er kann sich nicht unbegrenzt an eine sich schneller verändernde Umwelt anpassen. Innen- und Außenwelt bewegen sich in unterschiedlichem Tempo.

Seit der Industrialisierung um 1800 sind die Veränderungsimpulse auf unserem Planeten immer schneller geworden. Der vorindustrielle Mensch hatte ein Leben lang zeit sich an seine Umwelt anzupassen, um zu überleben. Sein Wissen wurde von Generation zu Generation weitergegeben. Heute verändert sich die Welt schneller, als es den Menschen gelingen wird, sich dieser Veränderung anzupassen und mögliche Erkenntnisse der nächsten Generation mit auf dem Weg zu geben. Dieses Dilemma erzeugt im 21. Jahrhundert enormen Stress. Stress ist die Anspannung durch innere und äußere Reize. Stressoren stören das innere Gleichgewicht (Homöostase) eines Menschen und erfordern eine Anpassungsreaktion. Bei acht Milliarden Menschen führt dies zu acht Milliarden zum Teil unterschiedlichen Anpassungsreaktionen. Wie können wir mit diesen Herausforderungen umgehen? Welche Antworten gibt uns die Kommunikationswissenschaft?

Die Anpassungsreaktionen erfolgen auf mindestens vier Ebenen,

1) der individuellen Ebene,

2) der Ebene von Organisationen,

3) der Ebene von Staaten und

4) der Ebene unserer planetaren Existenz.

 

Menschen, Organisationen, Staaten und unser Planet begegnen diesem Stress mit unterschiedlichen Reaktionen. Hinter einigen Reaktionen stecken Methoden, hinter einigen nicht. Die Methoden sind erstens abhängig von den Konflikten, die aus den Stresssituationen resultieren und zweitens davon abhängig auf welcher Ebene sie stattfinden. Dabei ist die Ursache der Stresssymptome gleich. Es ist der positive oder negative Umgang mit Veränderung und der daraus resultierende Versuch ein inneres Gleichgewicht herzustellen. Das gilt für den menschlichen Organismus wie für die Biosphäre unseres Planeten. Das dahinterliegende Prinzip besteht aus Aktion und Reaktion. Es ist allgemein anerkannt, dass die Fähigkeit zur Kommunikation ein Schlüssel ist, dieses Dilemma innerhalb unserer Spezies zu lösen. Kommunikation kann moderieren, beschreiben und analysieren. Metakommunikation ermöglicht es, Lösungsvorschläge auf eine andere Ebene zu heben, auf der es uns leichter erscheint über dieses ambivalente Verhältnis unseres Seins, unseres Werdens und unserer Dazugehörigkeit zu reflektieren. Wir werden die vier Ebenen im Laufe der Lektüre besser kennen lernen.

 

Anschließend müssen wir aber ins Handeln kommen. Veränderung bedeutet Bewegung und Bewegung ist Leben. Die Orientierung voll- zieht sich zwischen diesen beiden Polen. Sie werden als vita activa und vita contemplativa bezeichnet. Beide gehören zusammen. Orientierung vollzieht sich in Raum und Zeit im aktiven und im reflektierenden Leben.

Welche Rolle die Sprache in diesem Prozess spielt wird unter anderem in diesem Buch erklärt werden. Da die Sprachfähigkeit aber nur eine Kommunikationsfähigkeit ist, wäre die Untersuchung der Sprache zu wenig. Bereits 1766 reichte Johann Gottfried Herder mit seiner „Abhandlung über den Ursprung der Sprache“ einen ersten Versuch bei der Berliner Akademie der Wissenschaften ein, um die Rolle der Sprache im Kommunikationsprozess zu erklären. Die Aufklärung als Epoche wird uns in diesem Zusammenhang noch öfters begegnen. Sie hat mit ihren Ideen den Rahmen für das Verständnis der Kommunikation in der Modernen definierte und ihr eine erste Orientierung angeboten.

 

Orientierung erhält der Mensch durch seine Eltern, durch die Tatsache an welchem Ort er zu welcher Zeit geboren wurde. Die Orientierung fußt in den prägenden ersten Lebensjahren auf den Erinnerungen und Lebenserfahrungen der Eltern, der Angehörigen in der Familie und der Zugehörigkeit zu einer Sprachfamilie. Die Orientierung reicht inhaltlich oft über die Familiengeschichte nicht hinaus. zeitlich umfasst sie kaum mehr als drei Generationen. Um es klar zu sagen, eine in der Geschichte verankerte Kontinuität muss erarbeitet werden. Die damit einhergehenden Brüche in Bezug auf die eigene Identität, die Familiengeschichte, in Fragen bezogen auf Schuld, Status und Ethnie werden meistens mit der Pubertät reflektiert und im Bewusstein in der einen oder anderen Variante verankert. Die Menschen leben von einem relativ kurzen Verständnis der Zeit. Die Gegenwart dauert nur drei Sekunden. Vergangenheit und Zukunft sind nicht mehr erfahrbar. Die Vergangenheit ist vorbei, die Zukunft noch nicht dar. Die Erinnerungsleistung des Menschen begünstigt den Mangel. Die Fähigkeit des Gehirns sinnvolle Wirklichkeiten zu konstruieren ebenfalls. Das Gehirn ist eine Überlebensmaschine in der Gegenwart. Um diesen Zirkel zu verlassen, hilft es Muster in der Geschichte zu erkennen. Blicke ich auf die Veränderungen innerhalb der letzten drei Generationen seit 1600, werden drei Prozesse deutlich, die uns nachhaltig bestimmen. 1) Die Veränderung unserer Lebensformen durch die Industrialisierung und die Folgen des Klimawandels. 2) die Veränderungen unsere Selbst- und Fremdwahrnehmung durch gesellschaftliche und kulturelle Zugehörigkeiten und 3) die Veränderungen durch den demographischen Wandel in Bezug auf geostrategische Positionen, auf Wirtschaftsmacht, auf Einfluß und auf Gestaltungsoptionen für die Zukunft. Die Komplexität hat sich ver- dichtet, die Geschwindigkeit zugenommen. Die verbindenen Elemente der Veränderungsdimensionen sind die Medienentwicklung und die Kommunikationsfähigkeit. Jedem Leser wird es ein Leichtes sein, diese Veränderungen anhand seiner eigenen Lebensgeschichte und die seiner Familie in den letzten drei Generationen nachzuerleben. Was sind die Erfahrungen, die am Küchentisch ausgetauscht und weitergegeben wurden und welche werden heute mit dem Smartphone geteilt?

 

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