1. Schicksalsstunde

22. Januar 1962, 14.15 Uhr. Haben mein Geburtstag und meine Geburtsstunde eine Bedeutung? Wir kennen nicht den ersten Menschen, der in der Nacht den Himmel beobachtete und sah, dass sich der Lauf der Sterne änderte. Wir wissen nicht wie viel Zeit verging, bis Menschen die Veränderung am Himmelsfirmament in Bezug setzten zum eigenen Schicksal. Oben und Unten, Mikrokosmos und Makrokosmos waren geboren. Das Wahrnehmen von Veränderungen ist der Beginn des Denkens. Anfänge einer astrologischen Wissenschaft finden sich in Mesopotamien. Gebildeten Menschen im Zweistromland glaubten, dass die einzigartige Stellung der Sterne zum Zeitpunkt der Geburt einen Einfluss auf das Schicksal des Geborenen haben werde. Für Goethe war die Bedeutung der Sterne auf sein Leben ebenfalls eine Selbstverständlichkeit. Und heute? Am Ende des analogen Lebens, wie stehen wir zu der Schicksalsfrage? Wird den Sternen eine Bedeutung zugesprochen? Gott ist tot, aber das Universum lebt!


Mein Horoskop lernte ich 1988 kennen. Ich war Teilnehmer im Hauptseminar zum Thema »Parzival«. Das Horoskop im Parzival war ein Referatsthema, das von Annie, einer Kommilitonin, vorgestellt wurde. Da ich mich mit den Ursprüngen der Spielkarten in Europa beschäftigte, kamen wir schnell ins Gespräch. Wir fanden uns sympathisch. Die Astrologie und der Tarot hatten viele Gemeinsamkeiten. Annie wollte mir mein persönliches Horoskop erstellen, und ich ihr im Gegenzug dafür die Karten legen. Ich dachte, so könnte ich testen, wie gut die psychologische Astrologie funktioniert. Ich wollte das Schicksal auf die Probe stellen und meine Skepsis, was die Wahrsagerei anbelangt, vom Tarot auf den Sternenhimmel übertragen. Als wir uns einige Tage später in der Cafeteria im Gebäude GB der Ruhr-Universität Bochum trafen, war ich aufgeregt. Mehr wegen Annie, als vor dem was sie sagen würde. Aber Annie wollte nicht mit mir über mein Horoskop sprechen. Sie war sauer. Es war November und kalt und wir setzten uns auf einen der Heizungskörper an der Fensterwand und tranken einen Kaffee.
„Was ist los?”, fragte ich sie.
„Du willst mich doch auf den Arm nehmen“, sagte Annie. „Du weißt doch mehr über die Astrologie als du zugibst.“
„Was soll ich denn wissen?“, antwortete ich. „Ich weiß überhaupt nichts von der Astrologie.“
„Und das soll ich Dir glauben?“
„Ja.“
„Dein Horoskop sagt eindeutig, dass du über große magische Fähigkeiten verfügst.“
„Was soll das bedeuten?“, frage ich. „Was ist Magie? Ist Magie nicht eine Kunst aus einer vergangenen Zeit, als man sich die Erscheinungen in der Welt nicht rational erklären konnte. Im Tarot ist der Magier die erste große Arkana. Er ist der Zauberer. Ihm stehen alle Lebenswege offen. Mit diesem Bild beginnt der Suchende seine Heldenreise. Magie ist ein positives Gefühl. Magie erklärt das Unmögliche. Schwarze Magie ist die Kunst des Teufels.“


Annie glaubte an ihre Kunst. Kein Zweifel. Die Sterne lügen nie. Über welche Superkräfte ich aber verfügen sollte, wusste ich nicht. Wie kam sie dazu, so etwas zu behaupten. Und ihr Einstieg schmeichelte mir. Ihre Worte zeigten Wirkung. Ich wollte mehr wissen und drängte sie mir endlich ihre Berechnungen zu zeigen und mir zu erklären, wie sie auf diese Annahmen gekommen sei. Annie zog aus ihrer Tasche ein Blatt auf dem alle Tierkreiszeichen abgebildet waren.


„Das ist der Zodiak und hier habe ich die Planeten eingezeichnet, so wie sie bei deiner Geburt am Himmel standen.“
Sie zeigte mir ihre Berechnungen, erklärte mir die Bedeutung der Planeten, des Aszendenten, der Konjunktionen. Ihre astrologische Analyse meiner Persönlichkeit enthielt zahlreiche positive Eigenschaften, die mich als Wassermann im Besonderen und als Mann im Allgemeinen gut beschrieben. War mein Leben also seit meiner Geburt vorherbestimmt? Hatte ich einen freien Willen? Bereits Sigmund Freud sagte, es gebe keine Zufälle. Alles hat eine Bedeutung. Die Energie folgt der Aufmerksamkeit und unsere Aufmerksamkeit wird durch Unbewusstes gelenkt.


Annie jobbte neben dem Studium als Sprechstundenhilfe in Bochum bei Freifrau Dr. Olga von Ungern-Sternberg. Die Freifrau war Ärztin, Psychotherapeutin und Pionierin der psychologischen Astrologie in Deutschland. Jeden Dienstag- und Freitagabend wurden bis Ende 1989 in ihrem Praxisraum Vortragsabende abgehalten. Annie lud mich ein, daran teilzunehmen. Die Möbel in der Praxis wurden jedes Mal beiseite gerückt, Stühle aufgestellt und zuweilen drängten sich bis zu fünfzig Leute in einem ca. 20 qm2 großen Zimmer, indem am Vormittag noch Patienten saßen. Die Dienstage waren wahlweise der germanischen Mythologie, der Gralsgeschichte oder Goethes Faust gewidmet. Besonders beliebt waren die Freitagabende mit ihren Horoskop-Besprechungen. Wenn alle Besucher versammelt waren, betrat die alte Dame in ihrem Sternengewand den Raum, einen Ebenholzstab mit eingelegter Silberspirale in ihrer rechten Hand, den obligatorischen Schal, der ihre Aura schützen sollte, um die Schultern gelegt. Sofort kehrte Ruhe ein und zu den Klängen von Beethoven oder Wagner analysierte sie die Horoskope ausgewählter Persönlichkeiten, die mit einem Lichtprojektor an die Wand geworfen wurden. Es waren spirituelle und oft humoristische Vorträge, die mir die Astrologie näher brachten.


Harry Potter war noch nicht erfunden. J. K. Rowling gerade zwanzig Jahre alt. Spürte sie vielleicht etwas von der Magie, die sich über die Welt legte. Einen Sommer besuchte ich die astrologischen Sitzungen von Freifrau Dr. Olga von Unger-Sternberg und genoss die okkulte Atmosphäre dieses theosophischen Kreises. Mein Kopf vertraute der Rationalität, mein Herz suchte nach der Irrationalität. Besonders auffällig sei die Konstellation der Planeten gewesen, erläuterte mir Annie. Mein Horoskop sei ein sogenanntes Spannungshoroskop, in dem sich Planetenkonstellationen direkt gegenüber stehen und somit stark beeinflussen. Merkur, Jupiter, Saturn, Venus und Sonne stehen im Wassermann, Mars im Steinbock. Demgegenüber befinden sich Mondknoten, Mond und Uranus im Löwen, Pluto in der Jungfrau. Mein Aszendent liegt genau zwischen Krebs und Zwilling. Was endlich eine Erklärung dafür was, dass ich mich noch nie entscheiden konnte. Annie bevorzugte als Quelle die tiefenpsychologische Deutung von Liz Greene. Wer war Elizabeth Greene. Sie wurde 2010 an der Universität Bristol mit dem Thema: „The Kabbalah in British Occultism 1860-1940“ promoviert. 1983 konnte sie das noch nicht wissen konnte. Oder vielleicht stand es in ihrem Horoskop. 1983 hatte die 1946 in New Jersey/USA geborene Greene mit Howard Sasportas das Centre for Psycological Astrology gegründet und einen Nerv der Zeit getroffen. Zuvor hatte sie einige Jahre astrologische Kurse in England angeboten. 1976 schreib sie ein Buch über den »Saturn - A New Look at an Old Devil« und in den 1980er Jahren war sie auch in Bochum bekannt.


„Du bist ein typischer Wassermann“, sagte Annie. „Als Luftzeichen lebst du vor allem in einer Ideenwelt und neigst zur Angst vor Gefühlen. Diese Konstellation wird dein Leben prägen. Liz Greene sagt dazu: »Der Wassermann ist ein fixiertes Zeichen, das sich auch mit Kraft, Beharrlichkeit oder Sturheit übersetzen lässt. Aufrichtigkeit seiner Gefühle und ihre Beständigkeit gehören zu seinen Tugenden. Er lügt nicht gerne, deshalb sollte man es von ihm nicht verlangen. Er ist bequem, weil er sich so weiter mit den Dingen befassen kann, die ihm gefallen - mit gedanklichen Dingen. Er weiß mehr als jedes andere Zeichen über Freundschaft und Kunst. Kein anderer Freund könnte freundschaftlicher, toleranter und verständnisvoller sein. Der Inbegriff des männlichen Wassermanns ist der Denker, der Erfinder, der Philosoph und der Wissenschaftler. Der Wassermann ist kein Gefühlsmensch.« Du hast eine große spirituelle Kraft“, fasste Annie das Gesagte zusammen. Ob ich eine große spirituelle Kraft hatte, bezweifelte ich, aber ich hatte Angst vor Gefühlen und die spürte ich bei Annie im Übermaß, so dass ich nichts gegen mein Wassermann-Dasein einwenden wollte, ganz im Gegenteil, ich war froh das Liz Greene gesprochen hatte.


Die Frage nach der Bedeutung ist der rote Faden, der sich durch mein Leben zieht. An ihm sind viele Notizzettel befestigt. Sie legen sich wie Blätter um die eigene Identität. Die Notizen geben unterschiedliche Antworten. Sie sind abhängig von der Zeit. Erst nach dem Durchschreiten eines Lebens und dem Entblättern eines Lebensbuches erkennt der Leser, was ihm am Anfang undurchsichtig erschien. Im Rückblick wird Komplexität einfach. In der Vorschau wird das Einfache komplex. Rationalität und Irrationalität sind zwei Seiten einer Medaille. Rationalität lässt sich nur durch Irrationalität erklären. Und Irrationalität bedarf der Rationalität, um ihr zu entkommen. Der Mensch ist immer beides. Herz und Verstand und ganz viel Gefühl.

 

2. Mein Geburtsjahr

Einen anderen Zugang, den ich kennenlernte, war der historische Blick in die Wirklichkeiten des Jahres 1962. Was waren die Zeitströmungen der 1960er-Jahre in die ich hineingeboren wurde? Wie prägten mich meine Großeltern, meine Eltern und mein Bruder? Wer waren die fehlenden Verwandten in unserer Familienaufstellung? Was waren die Namen dieser Geister? Was hatten sie getan? Wie waren sie gestorben? Die Deutschen waren durch den Zweiten Weltkrieg traumatisiert. Ich gehöre zum letzten Ende der Boomergeneration. Ich bin ein Nachzügler, Spätentwickler ein langsamer Denker und geprägt von der Gnade der späten Geburt. Deshalb werfe ich gerne den Blick weit in die Vergangenheit, um den scharfen Blick auf die nahe Vergangenheit zu vermeiden. Gleichzeitig bin ich als später Boomer in meinem Alter einer der letzten analogen Menschen vor der digitalen Transformation. Was nichts anderes heißt, als das ich eine andere mediale Prägung erhalten habe als die Generation Z. Mich beeinflussten das Buch, das Radio und das Fernsehen.

 

Der Zeitpunkt meiner Geburt bekommt für mich durch den Verlauf der Geschichte eine besondere Bedeutung. Auch wenn man zuerst zur Bedeutungslosigkeit verdammt ist, erkennt man mit zunehmendem Alter mehr und mehr Verflechtungen. Bedeutungslosigkeit transformiert sich zwangsweise in Sinnhaftigkeit, bevor man selbst wieder in Bedeutungslosigkeit versinkt.

 

Welche internationalen und nationalen Ereignisse prägten mein Geburtsjahr? 1962 war der zweite Weltkrieg erst 17 Jahren vorbei. Die Bundesrepublik Deutschland existierte seit 13 Jahren. Die meisten Menschen in der BRD und der DDR kannten den Krieg und den Nationalsozialismus aus persönlicher Erfahrung. Sie blickten blind in die Zukunft, sprachen nicht von ihren Verstrickungen in die Vergangenheit und konzentrierten sich nicht auf das verlorene Glück, sondern suchten ihr Heil in einer heillosen Gegenwart. Anerkennung und Stolz empfand die deutsche Nation 1954 in Bern. Das Wunder von Bern gehört mit zum Gründungsmythos der Bundesrepublik Deutschland. Der Fußball wurde zum Spielfeld unbelasteter Gefühle. Vergessen und Verdrängen fordern aber irgendwann Erinnerung und Verarbeitung. Ohne langsames Denken kommt die Schnecke keinen Schritt weiter.

 

1962 war die Welt aufgeteilt in Ost und West, in Gut und Böse, in zwei Blöcke und zwei Systeme, die sich bis an die Zähne bewaffnet gegenüber standen. Der daraus entstehende Machtkonflikt zwischen der USA und der UdSSR, zwischen dem Kapitalismus und dem Kommunismus, bestimmte die Weltpolitik. Ein einfacher Dualismus übertünchte die Nachkriegszeit der Deutschen mit ihren vielschichtigen Herausforderungen. Angesichts der Schuld, der Verletzungen, der Atombombe, der fehlenden Identität kam ihnen  ein einfaches schwarz-weiß Denken ganz gelegen. Mitten durch Deutschland verlief die Grenze dieses Konflikts. Berlin, die alte Reichshauptstadt, erlangte für den Westen einen Symbolstatus. Berlin zu verteidigen hieß die Freiheit zu verteidigen. Als am 13. August 1961 die ersten Steine an der Sektorengrenze nach West-Berlin zu einer Mauer hochgezogen wurden, war es der Auftakt einer neuen Eskalation. Ich war noch nicht geboren und sollte die ersten 28 Jahre meines Lebens immer mit einer Mauer konfrontiert werden. Sie zerbröselte friedlich im Jahr 1989.

 

Im Oktober 1962 befand sich die Welt wieder am Rande eines Atomkrieges. In der Kuba-Krise trafen die beiden neuen Machtblöcke des 20. Jahrhunderts vor der amerikanischen Küste aufeinander. Amerika fühlte sich durch die UdSSR bedroht. Der amerikanische Präsident John F. Kennedy veranlasste eine Blockade der Insel und präsentierte der Öffentlichkeit Dokumente der US Aufklärung, die eine atomare Bedrohung durch russische Raketensprengköpfe beweisen sollten. Auf Vermittlung der UNO und des Vatikans kam es zum Einlenken. Die UdSSR demontierte ihre Raketenbasen, die USA verpflichteten sich, Kuba nicht anzugreifen. Am 22. März 2016 hielt der US-Präsident Barack Obama von der Bühne des Gran Teatro in Havanna eine historische Rede, die vom kubanischen Staatsfernsehen übertragen wurde. „Ich bin hierhergekommen, um den letzten Überrest des kalten Krieges zu beseitigen“, sagte er. Seit 1928 hatte kein amerikanischer Präsident die Karibikinsel besucht. Versöhnung braucht Zeit, man soll die Hoffnung auf Frieden nie aufgeben. Als Obama sprach, hatte Putin die Krim bereits seit zwei Jahren annektiert und den Grundstein für eine neue innereuropäische Krise gelegt. Kriege als Mittel der politischen Auseinandersetzung existieren.

 

Zu Beginn der 1960 Jahre eroberte die UdSSR als erste Nation das All. Der russische Kosmonaut Juri Gagarin war der erste Mensch, der am 12. April 1961 die Erde umrundete. Nach dem Sputnikschock am 11. Oktober 1957 als die UdSSR den ersten Satelliten in All schoß, stand es nun bereits 2:0 für die UdSSR im Wettstreit mit der USA. Der Astronaut John Glenn sollte am 20. Februar 1962 nachziehen. Als erste Amerikaner umkreiste er dreimal im Orbit die Erde und wurde anschließen von Kennedy medienwirksam als Idol aufgebaut und als Astronaut frühzeitig pensioniert. Da sein Leben nicht aufs Spiel gesetzt werden durfte, musste Glenn bis in Herbst 1998 auf seinen zweiten Raumflug warten. 1998 hatte er den Herbst seines Lebens bereits überschritten. Mit 77 Jahren war er der älteste Astronaut und als Teilnehmer der Space-Shuttle-Mission STS-95 drehte er sich mit der Raumfähre Discovery 134 Mal um die Erde. Die Macht der Bilder wurde durch die Macht der Medien aufrechterhalten.

 

Die Entwicklung der Raumfahrt und das Apollo-Programm der Amerikaner werden die 60er Jahre dominieren. Das erklärte Ziel war eine bemannte Mondlandung Die Leistungen des deutschen Ingenieurs Werner von Braun waren für die NASA beim Wettlauf um den Mond von großem Vorteil. Am 10. Juli 1962 startet in Cape Canaveral eine 28 Meter hohe Rakete des Typs Delta M-19. An Bord ist der erste amerikanische Nachrichtensatellit »Telstar«, knapp 80 Kilogramm schwer, fast kugelrund und ungefähr so groß wie ein Sitzball. Mit dem Satelliten Telstar beginnt 1962 unbemerkt von der Weltöffentlichkeit ein neues Medienzeitalter. Die Idee stammte von dem britische Mathematiker und Radartechniker Arthur C. Clarke. Clarke wurde 1968 berühmt als Autor des Romans »2001: Odyssee im Weltraum«. Die Technik begeisterte die Menschen und als kleiner Junge lag ich mit großer Leidenschaft nachts mit einer Taschenlampe im Bett, las Perry Rhodan Hefte und träumte von den Sternen. Die Abenteuer unseres Mannes im All und die Begegnungen mit vielen extraterrestrischen Wesen, Mutanten und Lebensformen wird meine Perspektive auf die Vielfalt des Lebens erweitern, so wie die Mondlandung den Blick auf die Erde veränderte. In Zeiten der atomaren Abschreckung glaubten viele der These: Nur durch eine extraterrestrisch Bedrohung würden sich die Nationen auf der Erde zu einer Weltregierung zusammenschließen. Im Weltraum der Science Fiction Literatur traf Perry Rhodan die Superintelligenz ES. Sie unterstützte den Reformprozess und machte die Hauptprotagonisten nebenbei unsterblich. Heute gibt es Verschwörungstheorien und Künstliche Intelligenz und die Frage, wie die Menschheit ihre Probleme friedlich lösen kann ist weiterhin unbeantwortet.

 

Laut der Europäischen Raumfahrtbehörde Esa gibt es 2024 mehr als 7.000 aktive Satelliten in verschiedenen Erdumlaufbahnen, andere Quellen sprechen gar schon von 9.000. Und bis 2030 werden es nach aktuellen Plänen der Hersteller wahrscheinlich mehr als 60.000 Satelliten sein. Ende April 2022 befanden sich über 2100 Starlink-Satelliten von Elon Musk im Erdorbit. Seit 2023 empfange ich alle Medien über eine Starlink-Verbindung. Zum Vergleich: Die deutsche Bundeswehr hat sechs Satelliten im All. Die Konflikte der 1960er Jahre sind vergleichbar mit den Konflikten der 2020er Jahre. Der Kampf um die Vorherrschaft auf der Erde ist ein Wirtschaftskampf, der mit militärischen Mittel geführt wird. Er ist auch ein ideologischer Kampf, um das beste gesellschaftliche System. Die Medien spielen in diesem Kampf eine bedeutende Rolle. Die technologische Infrastruktur der Medienanbieter hat zu einer globalen Vernetzung geführt. Die Welt ist ein Dorf. Das Dorf konnte der Welt aber nicht helfen, ihre Probleme zu lösen. Als Folge wurden mehrere neue Dörfer gegründet. Die Herausforderungen neben der Bedrohung durch die Bombe sind aber das Klima, die Umwelt und die Natur. Sie werden die Treiber der nächsten Veränderungen sein. Veränderungen, die sich in der analogen Wirklichkeit vollziehen und auch in dieser unserer Lebenswirklichkeit gelöst werden müssen. Die Erinnerung an die analogen Grundlagen, die Initialzündung für die Beherrschung des Weltraums, die damit verbundenen Lasten und Umweltveränderungen unser Ozonschicht zum Beispiel durch das Verglühen nicht mehr gebrauchter Satelliten wird neue Krisenszenarien heraufbeschwören. Jeder Jahrgang sollte sich mit den Einflüssen und Wirklichkeiten seiner Existenz beschäftigen, solange er es noch kann.

 

 

 

3. Einflüsse

Während eine neue Generation geboren wird, tritt eine alte Generation ab. 1962 starb der Schriftsteller und Nobelpreisträger Hermann Hesse (*1877). Nicht, dass ich mich mit Hesse vergleichen will, aber der 1877 in Calw geborene Hesse sollte mich mit seinen Werken begeistern. Er schaffte es, den Westen und den Osten zu vereinen und jedem Neuanfang einen Zauber zu geben. In der Literatur warf er den Blick ebenfalls weit zurück. Sein Glasperlenspiel hat mich verzaubert. Neben der Literatur waren es aber auch der Film und die Verbindung von Kunst, Politik und Medien, die mich beeinflussten.


Die Filmschauspielerin Marilyn Monroe starb unter mysteriösen Umständen am 5. August in ihrem Haus 12305 Fifth Helena Drive in Brentwood, Los Angeles. Medien und Politik waren immer miteinander verbunden. Auch die Bundesregierung in Deutschland geriet 1962 in eine schwere Krise, als sich der Minister der Verteidigung Franz-Josef Strauß vermutlich verfassungswidrige Eigenmächtigkeit bei der Verhaftung der Spiegel-Manager Rudolf Augstein und Conrad Ahlers in Spanien erlaubte. Kanzler Konrad Adenauer wurde zur Regierungsumbildung gezwungen und kündigte seinen Rücktritt für Herbst 1963 an. Der Einfluss der Medien auf die Gesellschaft sollte kontinuierlich zunehmen.


1962 wurde die Anti-Baby-Pille eingeführt. Es folgte der Pillenknick und damit begann der demographische Wandel und die Emanzipation der Frau. Allerdings sind Frauen auch heute noch  immer nicht gleichberechtigt, was zu gesellschaftlichen Spannungen führt. Die schönsten Mädchennamen des Jahres 1962 waren Sabine, Susanne, Andrea, Birgit und Martina. Jungen wurden mit den Namen Andreas, Frank, Jörg, Stefan, Peter oder Ralf gerufen. Mit meinem Vornamen war ich ein Außenseiter. Mein Nachname weist mich als einen Nachfahren des germanischen Stammes der Markomannen aus.


Haben Vor- und Nachnamen eine Bedeutung? Oder ist die Kindheit nur ein magisch-mystische Ort an dem alles bedeutungsschwanger ist, hell und dunkel, laut und leise, warm und kalt zugleich? Der Nachname Markmann kommt insgesamt 1158 Mal in 200 Landkreisen in Deutschland vor. Es gibt 2016 schätzungsweise 3088 Personen mit diesem Nachnamen. Dies liegt über dem Durchschnitt für alle deutschen Familiennamen. Er liegt damit auf Platz 2917 der häufigsten Namen. Die meisten Personen mit dem Familiennamen Markmann wurden in Landkreis Ostholstein gefunden. In der Nähe des Märkischen Kreis scheint mir die Bezeichnung Markmann nicht ungewöhnlich zu sein. Der Mann aus der Mark ist ein Mann aus dem Grenzgebiet, vielleicht aus der Mark Brandenburg oder aus anderen Gemarkungen. Im Englischen bedeutet »markman« einfach Scharfschütze.


„Ich wollte dir einen Vornamen geben, der zeitlos und nicht so lang ist“, sagte meine Mutter als ich sie fragte. „Ich habe nichts von einer Bedeutung gewusst. Ich kannte den Namen Detlev von Liliencron. Es war eine rein emotionale Entscheidung. Ich habe mir nicht den Kopf darüber zerbrochen. Die Namen Dieter und Detlef gefielen mir. Detlef mit einem ‚v‘ sieht im Schriftbild ausgewogener aus, dachte ich. Dein Vater hatte keine eigenen Vorschläge, aber er hat dich im Einwohnermeldeamt angemeldet. Er ist für das ‚f‘ und die Schreibweise verantwortlich.“


Meine Mutter war bei einem Frauenarzt in Castrop-Rauxel in Behandlung, der im evangelischen Krankenhaus seine Belegbetten hatte. Mit dem Bus war Castrop-Rauxel schneller zu erreichen als die Städtische Klinik in Dortmund, deshalb wurde ich in Castrop-Rauxel geboren. „Ich wollte mit dir in ein Krankenhaus, denn die Hausgeburt mit Dieter war die reinste Katastrophe, das wollte ich nicht noch einmal erleben.“ Am 17. Januar 1962, am ersten Geburtstag von Dieter, fingen die Wehen an und mein Vater brachte meine Mutter in der Nacht vom 17. auf den 18. Januar ins Krankenhaus. „Den Tag darauf gingen die Wehen aber zurück. Da aber der Termin für die Geburt da war, wurde sie am Montagmorgen am 22. Januar 1962 mit Medikamenten eingeleitet. Es war fast eine Sturzgeburt, innerhalb einer halben Stunde warst du da. Du hast eine leichte Geburt gehabt. Rizinus erleichterte die Geburt. Drei Löffel Rizinusöl habe ich geschluckt. Nachmittags um 14.00 Uhr wurdest du geboren. Du warst ein ruhiges und zufriedenes Baby. Du hast viel geschlafen und kein Theater gemacht.“ Detlef ist ein skandinavischer Name, wie ich später erfuhr, der soviel bedeutet wie »Liebling des Volkes«.


Von all dem konnte ich 1962 noch nichts wissen als ich in die Wachstumsphase der Bundesrepublik hineingeboren wurde. Ich war einer von einer Million, um genau zu sein, einer der 1.018.552 Babys des Jahres 1962. Wir wurden in die sogenannte Wirtschaftswunderzeit hineingeboren. Amerika war unser Vorbild. Russland unser Feindbild. Werbung und Unterhaltung prägten die 1960er Jahre. Es gelangten die ersten Konsumgüter in unseren Drei-Zimmer-Haushalt: 1) Eine Waschmaschine, deren Trommel ich gut zum Spielen gebrauchen konnte, indem ich in sie hinein kroch und mich wie ein Hamster in einem Rad bewegte. 2) Musik aus dem Röhrenradio; 3) Ein Schwarz-Weiß-Fernseher mit Testbild und ohne Werbung. Wir liebten alles, was aus den Vereinigten Staaten kam. Die Kritik entwickelte sich erst mit dem Vietnamkrieg. Sie wurde über die Musik, über die amerikanische Flower-Power-Bewegung und die Friedensbewegung in die deutschen Stuben transportiert. Für Woodstock waren die 62er zu jung, aber die Beatles und die Stones schieden bereits die Geister in unserer Familie. Mein Bruder mochte die Stones, mir gefielen die melodischen Harmonien der Beatles besser. Mein Vater liebte die Volksmusik und meine Mutter die Operette. Dann erhielt ich den ersten Mono-Plattenspieler, ein Geschenk von Onkel Horst, dem jüngeren Bruder meiner Mutter. Mit diesem tragbaren Gerät habe ich noch in den 1970er Jahren manche Schulfeier als DJ bestritten. Die Rock- und Popmusik wurde zu einem bestimmenden Lebensgefühl. Auch wenn ich die englischen Texte nicht immer verstand. Der Rhythmus machte die Musik. Die Musik verbreitete gute Laune. Anderssein war cool. Und Cool sein war in. Die Popmusik hatte in den 1960er Jahren eine gesellschaftsrelevante Macht erreicht. Sie trennte die Generationen. Die Musiker waren Idole und auf der Suche nach einer besseren Welt. Natürlich lebten sie mit vollem Risiko: mit Drogen, Exzessen und Gewalt. Bewusstseinserweiterung war ein weiteres Schlagwort, Vergangenheitsbewältigung ein anderes. In der Literatur begeisterten mich alle Arten von Märchen, die Gebrüder Grimm, Geschichten aus 1001 Nacht, J.R.R. Tolkiens, „Herr der Ringe“ und die Selbsterfahrungsabenteuer des Pejote kauenden „Don Juan“, geschrieben von Carlos Castaneda sowie jegliche Art von Science-Fiction- und Fantasy-Literatur. Während die Welt im Kalten Krieg fröstelte, gut und böse neu definierte, und der Patriotismus in Amerika einen Höhepunkt erlebte, übten sich die Deutschen im Verdrängen und bauten Eigenheime. Für mich waren die 1960er Jahre eine glückliche Zeit, eine unbewusste Zeit, eine magische Zeit in der mein vielleicht 5-Jähriges Ich mehr unsichtbar war als sichtbar. Einfach da sein, mit den Sinnen sehen, gedrückt und geknuddelt werden, reichte vollkommen aus, um glücklich zu sein und ab und zu etwas Süßes vom Kiosk.

 

Inhaltsverzeichnis
1. Schicksalsstunde           
2. Mein Geburtsjahr           

3. Einflüsse                    
4. Erste Erinnerungen            
5. Feuer, Ratten und Brennnesseln        
6. Unser Garten               
7. Freunde               
8. Prägungen                      
9. Väter und Großväter           
10. Mütter und Großmütter              
11. Zechensterben                
12. Schmerzen              
13. Einsamkeit               
14. Mobilität                    
15. Einschulung                
16. Träume                   
17. Brüder                 

 

Bedeutungen (1962-1969)

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